Links 14.2025
// Special Edition: Quo Vadis, FDP?
On a Personal Note
This week’s newsletter is a special one. Because I’m finally sharing my much-requested thoughts on “The Future of the FDP.”
For obvious strategic reasons, I’m posting here the original German version. But don’t worry—I ran it through the AI to make sure my English-speaking readers can access it too; and so that’s it’s forever imprinted in the history of the Internet lol
Quo Vadis, German Liberalism? [English Version]
Please share widely! So far, this is just a first draft (apologies for all the spelling and grammar mistakes), but possibly one of the earliest public contributions (similar to my Wahlnachlese right on election night) to this debate. So far, most discussions have been happening behind closed doors. That needs to change.
Venceremos!
(I’m waiting for the first rounds of criticism, corrections, and commentary. Then, I will upload a revised version on my blog!)
Quo Vadis, Deutscher Liberalismus?
Die FDP hat nicht einfach eine Wahl verloren. Sie steht an einem Wendepunkt.
Das Ergebnis ist nicht nur eine historische Niederlage—es markiert eine Zäsur im deutschen Liberalismus. Es besteht eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit, dass diese Niederlage der Beginn eines schleichenden (und unter bestimmten Dynamiken: unvermeidlichen) Verschwindens der politisch organisierten liberalen Kräfte in Deutschland ist.
Dieses Risiko ist real…und es muss offen aus- und angesprochen werden.
Viel wurde in den letzten Wochen über Ursachen und Verantwortung diskutiert. Doch ein Großteil dieser Debatten bleibt im Vertrauten verhaftet: Die einen beklagen, dass ihre inhaltlichen Linien nicht ausreichend sichtbar waren (interessanterweise bemängelt das sowohl der sozial- als auch der wirtschaftsliberale Flügel)—die anderen machen Kampagne oder Personal verantwortlich. Beides ist verständlich; aber beides greift zu kurz. Oder um es klar zu benennen: Das reicht nicht!
Die bislang vorgelegten Positionspapiere zielen vor allem darauf ab, die Partei in eine bestimmte Richtung zu lenken—und bleiben daher inhaltlich oberflächlich und strategisch kurzsichtig. Anders gesagt: Sie sind (mehr oder weniger) nutzlos für all jene, die sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft des deutschen Liberalismus machen.
Was der Liberalismus in Deutschland jetzt braucht, ist ein Moment tiefer Selbstreflexion—und die Fähigkeit, außerhalb des Gewohnten zu denken. Die Liberalen in Deutschland brauchen eine Phase echter, nahezu ontologischen Selbstvergewisserung. Man braucht den Mut, alte Gewissheiten hinter sich zu lassen. Genau dort sehe ich mich als Impulsgeber in meiner Verantwortung. Ich bin überzeugt, dass innerhalb der liberalen Familie bereits viele kluge Köpfe genau diese Debatten führen (und wahrscheinlich noch wesentlich bessere Ideen haben als ich). Da die Zeit jedoch drängt und die FDP in den Umfragen stagniert, mache ich hier mal einen Aufschlag und Anfang—in der Hoffnung, dass auch die Partei selbst diesen Impuls aufnimmt: nämlich jene Akteure einzubinden, die bislang außerhalb der formalen Parteistrukturen stehen. Aber dazu später mehr…
Die nachfolgenden Gedankengänge Verfolgen keine interne Agenda, im Sinne von “die FDP muss wieder martktwirtschaftlicher oder progressiver werden.” Das ist kleinkariert und borniert. Stattdessen möchte ich Denkanstöße und Impulse liefern, wie liberale Politik in Deutschland neu gedacht werden kann—jenseits der aktuellen parteipolitischen Gestalt, aber im vollen Bewusstsein für institutionellen Realitäten.
Der gegenwärtige Zeitgeist verlangt keine Schnellschüsse, sondern tiefes, strukturelles Nachdenken über Rolle, Funktion und Zukunft liberaler Politik. Nicht nur die FDP steht unter Druck; es sind liberale Ideen selbst, die ins Kreuzfeuer geraten sind.
Diese Art der Reflexion bedarf auch konzeptioneller Freiheit. Deshalb lege ich zu Beginn einige Denkmodelle und Arbeitshypothesen offen, die als Heuristik dienen sollen, um die strategische Positionierung liberaler Politik grundlegend neuzudenken. Sie reichen von der politischen Großwetterlage (§1-3) bis hin zu Fragen des operativen Alltags (§4-7).
Meine Arbeitshypothesen lauten:
“Gehe davon aus, dass die FDP tot ist.”
Wie würde man den politisch organisierten Liberalismus in Deutschland neu aufbauen—ohne das Gepäck der bestehenden Strukturen, Positionierungen und Dynamiken?Keine Denkverbote!
Das deutsche Parteienspektrum muss radikal neu gedacht werden. Dabei gilt: Nichts vorschnell verwerfen, sondern alle Optionen und möglichen Konstellationen einer neuen Findungsphase des Liberalismus ernsthaft prüfen.Eine Rückkehr zu 2017/2021/whatever ist keine Option.
Der politische Kontext hat sich seither tiefgreifend verändert. Wer nur an frühere Erfolge anknüpfen will, verkennt die tektonischen Verschiebungen im Parteiensystem und in der Gesellschaft. Die strategische NPC-Antwort “Zurück zum Leitbild!” ist ein Sackgasse.
Im Folgenden teile ich einige erste Überlegungen.
Dabei ist wichtig zu betonen: Es handelt sich nicht um fertige Lösungen, sondern um Denkanstöße und Impulse, die sowohl helfen können, den innerparteilichen Reformprozess zu strukturieren als auch den bislang erstaunlich schmal gebliebenen Debattenkorridor zu erweitern. Gerade die personelle und intellektuelle Verengung der Partei vor ihrer Wahlniederlage im Februar macht deutlich, wie dringend notwendig dieser Schritt ist.
// §1 — Holländische Verhältnisse? Umgang mit dem liberalen Schisma
Ich habe bereits an anderer Stelle über den Wandel der politischen Landschaft in Deutschland geschrieben. Wir erleben eine neue politische Lagerbildung, bei der sich die Koordinaten des Parteiensystems fundamental verschieben. Ein einfaches Zurück zu dem, was früher funktioniert hat, darf daher keine strategische Annahme mehr sein. Stattdessen müssen sich liberale Kräfte auf die veränderten Realitäten einstellen.
Die Kurzfassung meiner These lautet: Aufgrund tiefgreifender Verschiebungen bei zentralen gesellschaftlichen Konfliktthemen entfernen wir uns vom klassischen Gegensatz der Nachkriegszeit zwischen Sozialdemokratie (links) und Reformkonservatismus (rechts). In einer zunehmend multikulturellen, technologisierten und auch technokratisierten Welt hat sich der gesellschaftliche Diskurs verschoben: weg von eher pragmatischen Fragen der Wirtschaftsordnung und hin zu elementaren Fragen der Identitätspolitik und der globalen Integration. So ergeben sich zwei neue Pole mit elementar gegensätzlichen Visionen: die offene Gesellschaft des Liberalismus in Opposition zur geschlossenen Gesellschaft der Populisten. Aus diesen Überlegungen lässt sich ein Koordinatensystem ableiten, in dem die grau markierten Pole die dominierenden Diskursmehrheiten darstellen:
Wie bei jeder Neujustierung vollzieht sich dieser Wandel nicht abrupt, sondern schrittweise—mit teils widersprüchlichen Übergangsphasen. Das zeigte sich in der Krise der Sozialdemokratie weltweit, die vielerorts erst durch eine Neuausrichtung auf neue Zielgruppen überwunden wurde (weg von der klassischen Arbeiterschaft, hin zu jungen urbanen Milieus). Jedoch ist dieser Block keiner der dominierten Polen des neuen politischen Diskurses. Das reduziert die Sozialdemokratie auf die Rolle eine Bündnispartners.
Der Liberalismus steht heute vor einer ganz ähnlichen, jedoch noch gravierenden Identitätskrise. Denn die liberale Familie ist in zwei Koordinaten gespalten:
Auf der einen Seite stehen die kosmopolitischen Liberalen, deren politische Heimat aktuell wohl aufgrund soziologischer Faktoren (urbanes, gutausgebildetes Milieu) bei Grünen liegt.
Auf der anderen Seite die nationalliberalen Kräfte, die sich teilweise in der CDU und sogar im AfD-Wählerpotenzial wiederfinden.
Die FDP steht genau zwischen diesen beiden Polen—und zerreißt sich daran.
Wenn wir diese Arbeitshypothese ernst nehmen, ergeben sich daraus zwei strategische Optionen mit existenzieller Tragweite für die FDP:
Ein bewusst heribeführtes Schisma zwischen Nationalliberalen und Kosmopoliten.
Sprich: Die FDP konzentriert sich künftig entweder auf ihr bürgerlich-marktwirtschaftliches Kernmilieu, das eine politisch stabile, wenn auch klar begrenzte Wählerbasis bildet – und überlässt es einer neuen progressiven Partei, das urbane, weltoffene Lager politisch zu vertreten. Oder andersherum! Ein solcher Schritt entspräche einer klaren strategischen Trennung, wie wir sie aus den Niederlanden, Schweden oder Dänemark kennen, wo sich liberale Kräfte in zwei getrennte Formationen ausdifferenziert haben. Mit anderen Worten: Wird die FDP eine VVD…oder eine D66?
Eine tiefgreifende Parteireform nach dem Vorbild der Grünen.
Der frühere Flügelkampf zwischen Fundis und Realos innerhalb der Grünen führte nicht zu einer organisatorischen Spaltung, sondern zu einer Institutionalisierung von Machtteilung und einem nachhaltigen (no pun intended!), innerpartielichem modus vivendi zwischen den Lagern.
Ein vergleichbares Vorgehen innerhalb der liberalen Familie würde jedoch weit über kosmetische Reformen hinausgehen: Es bräuchte tiefgreifende Strukturveränderungen (z.B. institutionalisierte Partität) sowie eine Kultur der innerparteilichen Toleranz und Reformbereitschaft. Aktuell scheitert die FDP bereits an der Einführung einer einfachen Doppelspitze lol
Als Zusatzoption für die Daueroptimisten gibt es natürlich auch noch:
Die „Happy-Clappy“-Delulu-Variante.
Die Partei versucht, ohne strukturelle Reformen—lso weder durch ein Schisma noch durch eine tiefgreifende Neuordnung ihres inneren Gefüges—weiterhin beide Lager irgendwie zusammenzuhalten.
IMHO ist das nichts anderes als Wunschdenken.
Alle verfügbaren Daten zur Wählerstruktur und Parteimitgliedschaft sprechen dagegen. Und: Es gibt keine einzige liberale Partei in Europa, der dieser Spagat langfristig gelungen ist.
Don’t get me wrong: Ich spreche mich an dieser Stelle bewusst nicht für eine der beiden ernsthaften Optionen aus. Was wichtig ist, dass jede neue Parteiführung die Realität dieses Schismas als Ausgangspunkt ihres strategischen Denkens begreifen muss. Wer versucht, die aktuelle Lage ohne eine klare Verortung im neuen politischen Koordinatensystem zu bewältigen, wird scheitern—strukturell, kulturell und am Ende auch existentiell an der Wahlurne.
// §2 — Die Praxis von Metapolitik: Freiheit jenseits von Wahlzetteln
Der deutsche Liberalismus hat sich über Jahrzehnte vor allem als politische Kraft verstanden: Die FDP stand quasi alleinig für die Vertretung der Freiheit in Deutschland. Diese Zentralisierung und Selbstvasallisierung des liberalen Vorfelds in Deutschland hat die freiheitliche Bewegung ausgeblutet: Der Liberalismus findet in kulturellen Diskursräumen außerhalb der Politik nicht statt. Dabei hängt im selbst im Foyer der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach das bekannte Heuss Zitat:
“Mit Politik kann man keine Kultur machen; vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.”
Es bedarf einem Ansatz der Metapolitik, der nicht nur auf Wählstimmen zielt; sondern auf Diskursverschiebung. Wir brauchen wieder eine Hoheit über die Freiheitserzählung in Deutschland.
Die anderen haben es längst verstanden: Das grüne Narrativ der Klimatransformation wurde über deren Metapolitik genauso mainstream-tauglich gemacht, wie heute die Neuen Rechten das Thema Remigration im Diskurs verankern. Ob rechts oder links—erfolgreiche politische Bewegungen investieren gezielt in vorpolitische Räume. Wir Liberale überlassen jedoch die Detungshoheit über den Liberalismus irgendwelchen ZEIT Journalisten!
Es ist doch Fakt, dass wir außerhalb der Gastbeiträge bei der FAZ nicht mehr stattfinden: Wir haben weder auf TikTok noch in Universitäten etwas zu melden.
Eine politische Bewegung, die dauerhaft relevant bleiben will, braucht mehr als nur politische Programmpunkte—sie braucht kulturelle Anschlussfähigkeit und die Fähigkeit Zeitgeist zu verändern. Unabhängig vom Abschneiden der FDP muss Deutschland wieder liberaler werden!
Die FDP muss endlich wieder Begriffe neu besetzen, Narrative außerhalb der Tagespolitik entwickeltn und Debattenräume zurückeroben. Dazu befarf es eines metapolitischen Konzepts, welches eigene Medienstrukturen, Autoren, Künster, Content Creators, Podcasts, Influencer, und YouTube Kanäle umfasst.
Diese Strukturen können aber nicht von sich selbst getragen werden. Sie müssen sich in ein Mosaik des Liberalismus eingefügt werden: Dazu braucht Verlage, Denkfarbiken, Intellektuelle, Journalisten, Zivilgesellschaftliche Akteure und natürliche Meinungsführer, die liberale Ideen in die Gesellschaft hineintragen. Statt an externe privatwirtschaftliche Agenturen outzusources, muss ein weltanschauulich-geprägtes Netzwerk gefördert werden, dass sich gegenseitig befruchten kann.
Ganz im Sinne von Gramsci wird politische Macht nicht ausschließlich durch Wahlen gewonnen, sondern durch die kulturelle Vorherrschaft. Und hier gibt es in Deutschland mehr zu tun als FDP-Wahlkampagnen.
// §3 — Raus aus dem Status Quo: Liberalismus als Utopie
Die FDP steht sinnbildlich für die Bonner Republik: staatsmännisch im Ton, vertraut im Erscheinungsbild, verantwortungsvoll im Handeln—zugleich aber strukturell träge und rhetorisch aus der Zeit gefallen.
Diese politische Grundhaltung funktionierte, solange der Liberalismus zeitgemäß war. In dieser Selbstsicherheit verzichteten wir sogar bewusst darauf, zentrale Begriffe wie liberale Demokratie klar als unser Eigenes zu markieren. Stattdessen sprachen wir nur von ‘Demokratie’, als wäre die liberale Prägung selbstverständlich.
Ein folgenschwerer Irrtum.
Denn diese begriffliche Leerstelle wurde von Populisten gefüllt—und wir verloren nicht nur die Deutungshoheit, sondern auch das begriffliche Fundament unseres eigenen Anspruchs. Gleichzeitig verharrt ein Teil des organisierten Liberalismus in Denkmustern der 1960er Jahre, in denen staatliches Handeln fast reflexartig als ‘Sozialismus!!!einseinself’ gelabelt wird. Statt den Liberalismus an die Herausforderungen unserer Zeit anzupassen—sprich: populistischer Diskurs, geopolitische Realität, strukturelle Spannungen liberaler Gesellschaften—klammerte man sich an alte Argumentationsfiguren und Referenzpunkte. BTW, die Freiburger Thesen sind nicht mehr innovativ lmao
Diese inhaltliche Trägheit und Faulheit fürt dazu, dass der Liberalismus in Deutschland nun quasi ideenlos an Seitenline steht. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die FDP, sondern die gesamte liberale Weltfamilie. Die technokratische Umsetzung eines überholten Konsenses reicht nicht mehr aus. Was fehlt, ist eine neue Erzählung: eine intellektuelle, mutige und visionäre Auseinandersetzung mit der Idee der freien Gesellschaft unter heutigen Bedingungen.
Dazu gehört auch die Rückkehr zur politischen Utopie. Statt ausschließlich auf umsetzbare Einzelmaßnahmen zu setzen, braucht es ein umfassendes Zukunftsbild:
Wie soll ein liberales Deutschland 2050 aussehen?
Antworten wie „Bürokratieabbau“ oder „weniger Steuerlast“ reichen dafür nicht mehr aus.
Wir brauchen Räume für Vordenker. Einen Mont Pèlerin-Moment. Glücklicherweise haben wir unseren eigenen Zauberberg direkt in Gummersbach *wink*. Leider hat man in der FDP in den vergangenen Jahrzehnten statt auf intellektuelle Avantgarde auf Mittelmaß mit Tagesordnung und Gremienuguste gesetzt. In der Partei gibt es keinen Raum (oder gar Annerkennung) für die Dahrendorfs oder Hayeks unserer Zeit.
Jetzt ist nicht die Zeit für Geschäftsordnungsanträge, sondern für eine neue liberale Erzählung.
Nur wenn wir die Fähigkeit zurückgewinnen, groß, ambitioniert und zukunftsgerichtet zu denken—so wie es unsere politischen Gegner längst tun—,kann der Liberalismus in Deutschland eine neue gesellschaftliche Relevanz entfalten.
Wir brauchen eine freiheitliche Version hiervon:
// §4 — Schluss mit Bauchgefühlt: Daten, Zahlen, Zielgruppen
Was auf den ersten Blick wie eine rein pragmatische Empfehlung klingt—“Lasst uns doch mal die Statistiken anschauen”—, ist bei näherem Hinsehen komplizierter: Demoskopie ist kein Orakel. Wer mit einer vorgefertigten These auf Daten schaut, wird darin fast jede beliebige Erzählung bestätigt finden.
Deshalb braucht es eine agnostische Haltung gegenüber der in §1 beschriebenen Paradigmenfrage. Die strategische Positionierung (und damit Zukunft) des deutschen Liberalismus sollte nicht auf Wunschdenken beruhen, sondern auf einem nüchternen Blick auf Wählerströme und Zielgruppen im spezifisch deutschen Kontext.
Was es braucht, ist ein datengestütztes Kernteam (zusammengesetzt aus echten Tech Wizards und Data Scientists, und nicht aus Bauchgefühlbeauftragten) das gemeinsam mit der Expertise unserer internationalen Partnern (VVD, DA, Momentum) die Kernfragen aus §1 analysiert—und Handlungsempfehlungen ableitet!
In diesem Prozess sollte man sich nicht nur auf das eigene Profil zu konzentrieren. Eine datengetriebene FDP muss Fragen erforschen wie zum Beispiel: Kann der monolithischer Block der AfD Wähler aufgebrochen werden? Wie stellt sich die Dynamik zwischen sozialpopulistischen Flügel („Wir müssen die soziale Frage stellen“) und einem nationalliberalen Lager um Alice Weidel in Zielgruppen dar. Gibt es hier Bruchstellen, die ausgenutzt werden können?
Remember: Keine Denkverbote.
Gleichzeitig sollte auch das andere Ende des Spektrums untersucht werden: Besteht eine realistische Chance, kosmopolitisch orientierte Wähler—aktuell vor allem im Grünen-Spektrum—für eine strategisch erneuerte FDP zu gewinnen…oder ist das aufgrund von Parteibindung eine Sackgasse?
Hier ein Beispiel für die Art von Arbeitshypothese, die datenbasiert überprüft werden müssen: Die Grünen operieren in einem hochvolatilen politischen Markt. Ihre Wählerschaft zeichnet sich normalerweise durch niedrige Parteienbindung aus—klassische Wechselwähler. (Unsere niederländischen Freunde von D66 wissen genau, wovon ich rede.) Im deutschen Kontext haben es die Grünen allerdings geschafft, in diesem kapriziösen Milieu eine überraschend stabile Stammwählerschaft zu etablieren. Diese Bastion aufzubrechen, dürfte schwieriger sein, als viele Parteimitglieder hoffen. Das Potenzial ist womöglich geringer als es aus intellektueller Distanz erscheint. Wie gehen wir damit um?
Bei all diesen Hypothesen gilt: Entscheidend sind nicht unsere Vorlieben, sondern die Daten. Ein Liberalismus, der sich neu erfinden will, muss—ganz im Sinne Poppers— lernen, die richtigen Fragen zu stellen und den Mut haben, diese empirisch zu überprüfen. Dieses Resultate sind wichtiger als jeder Parteitagsapplaus!
Denn a, Ende geht es um eines: Liberale müssen wieder gewinnen. Dafür braucht es eine präzise Analyse, harte strategische Entscheidungen—und die Bereitschaft schwierige Trade-offs zu akzeptieren.
// §5 — Wider der Ochsentour: Partei Neu Denken
Es is unbestritten, dass die FDP programatisch eine liberale Partei ist. Strukturell jedoch ist sie konservativ und veraltet. Die Art und Weise, wie die Partei organisiert ist, hat sich seit ihrer Gründung kaum verändert. Und das sage ich mit mehr als 20 Jahren (wtf!) Parteimitgiederschaft auf meinen Schulttern.
Dabei geht es nicht nur darum, dass sich die Zeiten gewandelt haben und politische Arbeit heute anders aussieht als vor 70 Jahren. Vielmehr lässt sich konkret zeigen, dass viele der bekannten Schwächen der FDP direkte Folge ihrer Strukturen sind—und übrigens auch in anderen etablierten Parteien sichtbar werden.
Ein Beispiel: Die oft erschreckend geringe Qualität mancher Bundestagsabgeordneter ist kein Zeichen dafür, dass es in Deutschland keine klugen und fähigen Liberalen gäbe. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines antiquierten Rekrutierungsprozesses, bei dem der Weg auf die Landesliste nahezu ausschließlich über die sogenannte Ochsentour führt—also über jahrelange Präsenz bei jedem einzelnen Ortsvereinstreffen. Who got time for that?
Exzellenz und Gremienpräsenz sind in der Praxis nahezu perfekt negativ korreliert.
Dieser Fokus auf Sitzfleisch reicht bei Weitem nicht aus, um in einer zunehmend komplexen Welt inspirierende, innovative und verantwortungsvolle Antworten auf die politischen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Inhaltliche Erneuerung setzt immer auch eine persönliche Erneuerung voraus—und zwar auf allen Ebenen der Partei. Wer High-Performer ansprechen will, wird das kaum mit einer Truppe von Low-Performern schaffen.
Es geht nicht nur darum, was wir vertreten, sondern auch wer es vertritt…und wie wir politische Führung üerstehen und fördern. Eine liberale Partei im 21. Jahrhundert muss sich bewusst und systematisch mit der Entwicklung ihrer Führungskräfte beschäftigen.
Empirische Forschung zeigt zudem: Gremienparteien wie die FDP entfremden sich mit der Zeit zunehmend vom Durchschnittswähler. Hier ein paar bekannte Beispiele:
Darüber ließe sich jetzt viel sagen. Aber für unsere Zwecke reicht es, dieses strukturelle Dilemma klar zu benennen: Die FDP hat die verfassungsrechtlich Aufgabe, bürgerliche Teilhabe zu ermöglichen. Sure! Aber aber das heißt nicht, dass Parteimitglieder die strategische Ausrichtung bestimmen sollten.
Was fehlt, sind klare Führungsstrukturen und strategische Entscheidungsfähigkeit.
Hier gibt es keine revolutionären Forderungen. Es sind Reformen, die seit Jahren diskutiert, aber nie umgesetzt wurden:
Einführung einer Doppelspitze und Trennung von Amt und Mandat
Bitte keine weitere ideologische Debatte. Die Frage nach der Führungsstruktur ist eine Managemententscheidung—nicht mehr und nicht weniger. Allein diese beiden Maßnahmen würden den Pool an Führungspersonen mehr als verdoppeln. Das Erscheinungsbild der FDP würde sich diversifizieren, und politisches Talent könnte sich entwickeln. Während die FDP in der Öffentlichkeit oft allein durch Christian Lindner repräsentiert wurden, hatten die Grünen zur gleichen Zeit mindestens zehn bekannte Köpfe.
Aufbau einer Führungsakademie und eines strukturierten Entwicklungsprogramms
Viele Entscheidungsträger der FDP (insbesondere auf Mandatsebene) sind inhaltlich und handwerklich nicht ausreichend qualifiziert, um den Anspruch einer Partei zu erfüllen, die für Dynamik, intellektuelle Offenheit und Modernität (zB auch bei Personalführung)( stehen will. Man muss es deutlich sagen: Einige Abgeordnete sind weder nicht in der Lage, überhaupt zu formulieren, was liberal heute bedeutet, noch gute Arbeitgeber. Deshalb sollte die Parteiführung mindestens 30 % ihrer Ressourcen in die Talenteentwicklung investieren—so wie es jedes professionell geführte Unternehmen tun würde.
Die FDP kann dabei auf vorhandene Strukturen im liberalen Netzwerk zurückgreifen, etwa auf die Naumann-Stiftung. Jeder liberale Entscheidungsträger in Deutschland sollte durch die Gummersbach-Schule gegangen sein. Andere Parteien machen uns das längst vor (etwa die südafrikanische Democratic Alliance, die ihre Kandidaten und Mitarbeitenden intern systematisch schult.)
Einwände, die auf die JuLis als Talentpipeline verweisen, sind nur bedingt überzeugend. Ich selbst bin ein Produkt der JuLis. Aber meine Lernkurve beschränkte sich größtenteils auf formalistische Debattenbeiträge und Geschäftsordnungsanträge. Das mag demokratische Beteiligung fördern, ist aber keine Talentschmiede.
Aufbau eines liberalen Vorfelds
Ein weiteres strukturelles Problem: Der organisierte Liberalismus in Deutschland wurde in den letzten Jahrzehnten von der FDP selbst faktisch monopolisiert. Fast jede Vorfeldorganisation ist entweder direkt an die Partei gebunden oder personell eng mit ihr verknüpft. Eine zukunftsfähige Parteiführung muss bereit sein, externe Impulse nicht nur aufzunehmen, sondern diese gezielt zu verstärken.
Sie muss daran arbeiten, ein echtes liberales Ökosystem aufzubauen—mit unabhängigen Denkfabriken, Intellektuellen, Agenturen, Strategen, Influencern und whatnot. Diese müssen die Partei befruchten und nicht von ihr durchregiert werden (wie es in der Vergangenheit der Fall war).
Siehe dazu §2.
// §6 — Der deutsche Liberalismus muss internationaler denken (und lernen)
Wer wie ich viel Zeit in internationalen Netzwerken verbringt, lernt schnell eine zentrale Wahrheit über die deutschen Liberalen: Sie unterrichten gerne aber sie lassen sich ungern unterrichten. Wenn wir sie zu internationalen Konferenzen einladen, kommen sie in der Regel, um zu dozieren—nicht, um zuzuhören.
Das muss sich ändern.
Die in §1 beschriebene politische Neuausrichtung ist ein globales Phänomen—in manchen Gesellschaften schon weit fortgeschritten, in anderen beginnt sie gerade erst. Deutsche Liberale könnten enorm viel lernen, wenn sie systematisch internationale Fallstudien analysieren…und daraus eigene Schlüsse ziehen. Bisher aber herrscht aber hier eine Art selbstzufriedene Ignoranz.
Was es braucht, ist ein strukturierter und regelmäßiger Austausch zwischen den Strategen anderer liberaler Parteien und den führenden Köpfen der FDP. Dazu gehört auch ein internationaler Power Broker, der die FDP in das globale Ökosystem liberaler Akteure einbindet—von Schwesterparteien über Think Tanks bis hin zu Campaigning-Profis und Data Scientists.
Wir Liberale preisen die Vorteile der Globalisierung; bleiben aber selbst oft in unserem deutschen Silo stecken. Wir sollten nicht dem Irrglauben verfallen, deutsche Politik sei per se so einzigartig, dass sie nur aus sich selbst heraus verstanden werden könne.
Was heißt das konkret? Die FDP braucht einen International Officer mit echter strategischer Verantwortung. Nicht eine Person, die sich durch Konferenzen lächelt; sondern jemanden, der systematisch internationale Erfahrungen ins Genscher-Haus einspeist.
Und zwar mit genug Standing und Fomrat, um die klügsten Köpfe auch tatsächlich nach Deutschland zu holen—für Input, Austausch, und konkrete strategische Zusammenarbeit. In der Vergangenheit wurde diese Aufgabe entweder einfach an Mitarbeiter ohne parteiinternes Mitspracherecht delegiert oder an Mandatsträger vergeben, die andersweitig beschäftigt sind. Die Kurzsichtigkeit können wir uns nicht mehr erlauben.
Darüber hinaus muss sich einiges kulturell im internationel Austausch ändern: Die Parteispitze selbst muss bereit sein zu lernen. Wir erwarten von Partnern der Naumann-Stiftung, dass sie sich in unseren Strukturen weiterbilden. Diese Erwartungshaltung muss auch für unsere eigene Führung gelten. Der latente Hochmut, der davon ausgeht, dass man “eigentlich ja nichts mehr lernen muss,” ist nicht liberal sondern provinziell. Und das ist hoffentlich die FDP der Vergangenheit.
// §7 — Strategie braucht Führung: 100-Tage-Plan für Projekt “Wiedereinzug 2029”
Ich habe eingangs betont, dass sich der deutsche Liberalismus Zeit für Selbstreflexion nehmen muss. Aber: Die Welt wartet nun einmal nicht, bis die Liberalen bereit sind. Ob die FDP in der Krise innehält oder nicht—das politische Geschäft läuft weiter.. Deshalb muss eine neue Parteiführung in der Lage sein, strategisches Denken über die mittlere und lange Frist mit operativer Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt zu verbinden.
Gerade jetzt, wo die Unzufriedenheit mit der “Kleinen Koalition” spürbar wächst, braucht es eine Führung, die alsbald und ganz pragmatisch “in die Puschen“ kommt. Ein Teil des Vibe Shifts ist es doch, dass keiner glaubt mehr, dass Politik langsam und träge sein muss.
Eine neue FDP Führung muss für “getting things done” stehen: Struktureller Wandel und strategische Neuaufstellung sollten nicht bedeuten, dass nach einer neuen Vorsitzwahl erst einmal ein quälend langer Prozess mit Regionalkonferenzen anläuft. Die neue Führung muss mit einem Plan antreten…und liefern.
Um das zu verdeutlichen fällt mir immer ein Bild ein: Der argentinische Minister für Staatsmodernisierung hat in seinem Büro einen Kalender hängen, der im zeigt, wie viele Tage er noch im Amt sein wird. Dies soll ihn täglich daran zu erinnern, wie wenig Zeit bleibt, echte Reformen anzustoßen. Die neue Parteiführung sollten mit derselben Dringlichkeit arbeiten.
Konkret heißt das: Spätestens 100 Tage nach Amtsantritt muss die neue Parteiführung erste Ergebnisse und einen Fahrplan für ein langfristiges “Projekt 2029“ vorlegen. Erst danach beginnt die Einbindung der Mitglieder, der Vorfeldstrukturen und der Öffentlichkeit—aber nicht umgekehrt.
Denn wenn in dieser Zeit nichts passiert, kann man schon jetzt erkennbare Dynamiken einfach fortschreiben: Die FDP pendelt stabil bei 3–4 %, ohne jedes strategische Momentum. Und mit jeder Woche, in der nichts passiert, verlieren wir nicht nur potenzielle Wähler; sondern auch die letzten Sympathisanten.
Das Projekt “Wiedereinzug 2029” beginnt jetzt. Und nur eine Parteiführung, die die strategische Komplexität erkennt und den Mut hat, den Kurs der FDP zu drehen, hat eine Chance, diesen Liberalismus noch zu retten.
Dieses Papier wurde im Sinne Voltaires geschrieben:
“Beurteile einen Menschen nach seinen Fragen, nicht nach seinen Antworten.”
Daher freue ich mich auf den Austausch. Denn eines ist klar: Wir müssen viele unangenehme Fragen stellen!
Sven Gerst, April 2025







Das ist wirklich klug - und bringt vieles auf, was auch ich schon lange denke. Ich bin im Januar nach 10 Jahren aus der FDP ausgetreten - u.A. weil die Führung unter Christian Lindner nichts von dem was hier beschrieben wird auch nur im Ansatz begriff, und sich das in allen Landesverbänden so durchsetzte.
Der einzige Punkt den ich etwas schwierig sehe: Die Stiftung. Ich war auch Stipendiat und in Sachsen weiter in der Stiftungsarbeit aktiv. Aber am Ende kamen auch aus dem Naumann-Stiftungs Umfeld keine Gedanken wie hier dargestellt, sondern vorallem fleißige Zuarbeit zu einem verlorenen Status Quo. Daher fällt es mir schwer, der Stiftung noch eine zentrale Rolle zuzuweisen. Sie müsste genau wie die Partei gründlich entstaubt und intellektuell geöffnet werden, was aber strukturell noch schwieriger ist.
There is really no alternative, we have to think in this direction.